Der Begriff „Living Soil“ taucht im Cannabis-Anbau immer häufiger auf, und die Idee dahinter ist zunächst einmal sehr schlüssig und auch durchaus reizvoll: Ein Boden, der nicht als bloßes Substrat verstanden wird, sondern als lebendiges System, in dem Mikroorganismen, Pilze, Mineralien und organische Substanz zusammenwirken und die Pflanze im besten Fall eigenständig versorgen.
In einem solchen System übernehmen Bakterien, Pilze – wie etwa Mykorrhiza – und andere Bodenlebewesen zentrale Aufgaben, indem sie organisches Material umwandeln und der Pflanze genau die Nährstoffe zur Verfügung stellen, die sie in ihrer jeweiligen Entwicklungsphase benötigt. Das führt schnell zu der Vorstellung, dass man dieses System einmal aufsetzt und sich danach vieles von selbst reguliert.
Dieser Blick ist schon tiefer, als ihn viele Gärtner jemals denken, denn Lebendigkeit wurde jahrzehntelang missachtet, ignoriert oder unterschätzt. Kunstdünger und viele an Chemischen Pflanzenschutz angelegte Systeme brachten Ernteerfolge mit der Folge, dass die Böden immer mehr verarmten, Humus abgebaut wurde und unsere Lebensgrundlage geplündert wurde.
Was heute viele im Cannabis-Anbau antreibt, ist nach wie vor die Ernte. Gleichzeitig wächst aber auch das Bewusstsein dafür, wie diese Ernte entsteht. Denn der Anbauer hegt und pflegt seine Pflanzen, die keine seelenlosen Lebewesen sind.
Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis recht schnell, dass genau an diesem Punkt die Unterschiede beginnen.
Denn die entscheidende Frage ist weniger, ob ein Boden lebt – das tut er in den meisten Fällen ohnehin –, sondern wie bewusst wir mit Pflanzen und den Stoffwechselprozessen umgehen und ob wir sie einfach laufen lassen oder gezielt begleiten und weiterentwickeln.
Die Idee dahinter – und was oft daraus wird
Im klassischen Anbau wird die Pflanze gezielt versorgt, mit Dünger, Wasser und angepassten Bedingungen. Dabei laufen im Hintergrund immer auch natürliche Prozesse ab, die man nicht unbedingt im Blick hat, die aber dennoch wirken.
Der Living-Soil-Ansatz verschiebt diesen Blick. Nicht die Pflanze steht im Mittelpunkt, sondern der Boden und die Prozesse, die in ihm stattfinden. Mikroorganismen übernehmen einen großen Teil der Nährstoffbereitstellung, Mineralien stabilisieren das Milieu, und mit der Zeit entsteht ein System, das Schwankungen besser ausgleichen kann.
Das ist kein neues Prinzip. Es ist eher ein bewussteres Arbeiten mit dem, was ohnehin da ist. Wir sehen die Mikroben als eine Art Helfer und Vermittler zwischen Pflanze und Boden. Wir setzen Fermente, Mineralien und vitalisierende Produkte gezielt ein, damit Prozesse in der Pflanze noch ganzheitlicher und effektiver gesteuert und begleitet werden.
Boden aufbauen heißt, ihm Zeit zu geben
Der Boden entwickelt sich – und diese Entwicklung kann und darf aktiv unterstützt werden. Es geht also nicht darum, das System zu ersetzen oder zu kontrollieren, sondern darum, es bewusst zu führen, zu stabilisieren und an den richtigen Stellen zu ergänzen.
Das machen wir vor allem mit Organik, die gemulcht oder eingearbeitet wird (Rasen- oder Küchenbokashi) und mit wiederholter Vitalisierung (Blatt und Boden).
Ein weiteres Beispiel dafür ist Pflanzenkohle, wie man sie aus dem Terra-Preta-Konzept kennt. Wird sie in den Boden eingebracht, idealerweise bereits mit Nährstoffen und Mikroorganismen angereichert (Bokashi), verändert sich die Struktur und Wasserhaltefähigkeit des Bodens spürbar – nicht unbedingt sofort sichtbar, aber über die Zeit hinweg. Sie speichert, was im System vorhanden ist, hält Nährstoffe verfügbar und bietet Mikroorganismen einen stabilen Lebensraum. Und sie bleibt. Pflanzenkohle wird nicht abgebaut, sie verliert ihre Funktion nicht, sondern begleitet den Boden über viele Jahre hinweg. Ein Boden, der so aufgebaut ist, reagiert anders. Ruhiger, ausgeglichener, weniger anfällig auf klimatische oder stressbedingte Herausforderungen.
Kreisläufe statt Verbrauch
Ein wichtiger Baustein ist der Umgang mit organischer Substanz. Statt sie nur zu nutzen oder zu ersetzen, kann man beginnen, sie gezielt und auch noch fermentiert zurückzuführen. Bokashi ist dafür ein einfacher, aber wirkungsvoller Weg. Organisches Material wird fermentiert, statt zu verrotten, und anschließend als Organik (keine Erde) wieder in den Boden eingebracht. Nährstoffe bleiben erhalten, werden schneller verfügbar und das Bodenleben bekommt neue Impulse.
Was dabei entsteht, ist kein einmaliger Effekt, sondern ein Kreislauf. Das, was entnommen wird, findet seinen Weg zurück – in veränderter, aufbereiteter Form.
Die Pflanze gehört dazu
Ein Punkt, der dabei leicht übersehen wird: Wachstum passiert nicht nur im Boden. Ein großer Teil dieser Prozesse läuft über die Photosynthese und den Zuckerstoffwechsel – vom Blatt über die Wurzel bis hin zu den Mikroorganismen im Boden. Die Pflanze steht dabei in einem ständigen Austausch mit ihrem Umfeld. Über Signale und Stoffwechselprozesse wird geregelt, wann Nährstoffe benötigt werden und wann Energie bereitgestellt wird – ein Zusammenspiel, das man auch unter dem Begriff Quorum Sensing kennt.
Diese Prozesse begleiten wir mit Vitalisierungsspritzungen. Pflanzen reagieren darauf mit vermehrter Zuckerbildung (Brix). Interessant dabei, je vitaler die Pflanze umso weniger wird sie von Schädlingen befallen. Die Natur hat ihre eigenen Regularien.
Deshalb sehen wir die Pflanze nicht getrennt vom Boden, sondern als Teil desselben Systems. Und dieses System lässt sich begleiten.
Durch die Kombination aus mikrobiellen Fermenten, Mineralien und Pflanzenextrakten kann die Pflanze gezielt unterstützt werden, ohne dass das Gleichgewicht im Boden gestört wird. Es geht nicht darum, ein funktionierendes System zu ersetzen, sondern es zu ergänzen. Vitalität kann man sehen und beobachten – nicht nur im Wachstum, sondern auch in der Widerstandskraft der Pflanze.
Vielleicht ist das der größte Unterschied:
Dass man nicht nur darauf vertraut, dass alles läuft, sondern hinschaut, reagiert und begleitet.
Am Ende geht es um Haltung
Am Ende ist es weniger eine Frage der Methode als eine Frage der Herangehensweise.
Ob man den Boden nutzt oder beginnt, ihn aufzubauen. Ob man Wachstum zulässt oder Entwicklung begleitet.
Ob man eingreift, wenn etwas nicht passt, oder frühzeitig Bedingungen schafft, die es gar nicht erst so weit kommen lassen.
Ein lebendiger Boden ist die Grundlage.
Was daraus entsteht, hängt davon ab, wie man mit ihm arbeitet.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich Wege unterscheiden – nicht im Prinzip, sondern in der Tiefe, mit der man gärtnert.

